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2009 - Rhapsody in Blue
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Nachbrenner für eine Wundertüte

Der OVH trotzt allen widrigen Umständen und erstaunt mit seiner Wandlungsfähigkeit selbst seinen Dirigenten.

serenade_2009_1Manchmal mag gerade ein Zuviel an Sorgen genau die richtige Dosis sein, um sie in einem Akt resignativen Aufbegehrens allesamt über Bord werfen und danach wie beflügelt aufspielen zu können. Atmosphärische Spannungen, eine missratene Generalprobe und ein derart miserables Wetter, dass an einen Konzertabend unter freiem Himmel beim besten Willen nicht mehr zu denken war. Und dann verzieht sich das Grollen und Blitzen doch, Frieden macht sich breit und der Orchesterverein Hilgen (OVH) tritt auf, als sei er nur für diesen Moment gegründet worden.

Wie viele musikalische Gesichter hat der OVH eigentlich? Am späten Freitagabend, nach jenem so gar nicht vielversprechenden Probelauf für das Serenadenkonzert, taucht eine kleine Abordnung der Musiker noch bei der Verabschiedung von Schulrektor Friedhelm Julius Beucher auf und versorgt die verbliebenen Gäste mit einer Dosis handelsüblicher Rambazamba-Blasmusik.

Wuchtig, verschmitzt und atemberaubend exakt

Einen Tag später donnern die Bläser mal eine Wagner-Ouvertüre durch die Kirchenkurve und lassen nur wenig später mit einem verschmitzten Gershwin-Stück einen Hund am alten Gemäuer Gassi gehen. Im Bernstein-Divertimento werfen sie sich mit atemberaubender Exaktheit minimalste Einsätze zu wie Hochgeschwindigkeitsbälle, um im nächsten Augenblick daherzukommen wie eine rotzige Blueskapelle in irgendeiner Kaschemme von New Orleans.

Bei dieser Wandlungsfähigkeit gerät selbst Dirigent Walter Ratzek ins Staunen: Gegen Ende verkündet er über das Mikrofon unverkennbar irritiert seine Einsicht, beim OVH handele es sich eindeutig um „ein Konzertorchester und kein Probenorchester. Hier blüht es auf, als würde ein Nachbrenner gezündet.“

Ratzek leitet seit acht Jahren das Musikkorps der Bundeswehr, ein Profi unter Profis mit entsprechenden Erwartungen an die Probendisziplin. Manches Mal ist er seit Januar an den Gegebenheiten eines Laienorchesters verzweifelt – und dieses an ihm. Aber die fordernde Zusammenarbeit hat Früchte getragen.

Früchte, die so gut zu hören sind wie noch nie. Erstmals in der nun schon sechsjährigen Geschichte der OVH-Serenadenkonzerte und wohl auch einmalig wird der Klangkörper über Mikrofone und Lautsprecher übertragen. Das gibt dem Bläserwumm noch mehr Nachdruck, sorgt aber vor allem auch dafür, dass die zarten Momente nicht untergehen. Auch das ist Ratzek zu verdanken, der die Anlage organisiert und gleich seinen Sohn ans Mischpult gesetzt hat.

Aber Dirigieren allein genügt dem Energiebündel nicht. Bei Gershwins Rhapsody in Blue greift er selbst kraftvoll in die Tasten des E-Flügels, virtuos, ohne selbstverliebt zu sein, und reißt in Sekundenschnelle wieder die Arme empor zum Dirigat – wie am Sonntag noch einmal beim Priesterjubiläum und Abschied von Markus Höyng.

Und dann, vor den Zugaben, die letzte Dosis, um die Herzen endgültig zu öffnen in der großen Publikumsschar: ein Potpourri von Chaplin-Melodien. Dieser kleine, watschelnde Lebenskünstler, dessen äußeres Erscheinungsbild die große Liebe seines Darstellers zur Musik so gar nicht erahnen lässt.

So abgerissen wie der traurige Tramp der Schwarz-Weiß-Streifen ist das Burscheider Publikum natürlich nicht, aber viele darunter, die anders nie in ein OVH-Konzert geraten würden. Nicht nur ihnen eröffnet das Orchester in der Kirchenkurve Jahr für Jahr wieder eine Wundertüte.

Abgang in die Lichter der Kleinstadt, in denen der Zauber des Abends noch eine Weile weiterglänzt.

(Ekkehard Rüger für die Westdeutsche Zeitung vom 29. Juni 2009)

"Das ist die Technik der Bundeswehr"

In der Kirchenkurve schwingt ein Oberstleutnant unter freiem Himmel den Taktstock

Orchesterverein Hilgen hatte beim Serenadenkonzert Glück mit dem Wetter.

VON ANA OSTRIC

Gespräche über das Wetter gehen immer. Zu warm, zu kalt, zu nass - der lockere Plausch über Hochs und Tiefs wird gerne genutzt, um ernste Themen zu umgehen. Am Samstag aber war die Wetterlage in Burscheid tatsächlich ernst. Schließlich schien eine Absage des Serenadenkonzerts des Orchestervereins Hilgen (OVH) nicht ausgeschlossen. Noch am Nachmittag, als der Himmel dunkel war und leichter Regen einsetzte, herrschte beim OVH-Vorsitzenden Martin Mudlaff Skepsis. Als die goldenen Zeiger auf der Kirchturmuhr des evangelischen Gotteshauses am Abend neun Uhr anzeigten, lächelte Mudlaff aber. Der erste Teil des Serenadenkonzerts war soeben zu Ende gegangen - im Trockenen.

Ein freundliches Blau

Das symphonische Blasorchester aus Burscheid hatte bei der sechsten Auflage des Serenadenkonzerts in der Kirchenkurve Glück mit dem Wetter. Am Himmel über der Kirchturmspitze in Burscheids Stadtkern dominierte ein freundliches Blau, so dass sich die Musikliebhaber ganz und gar dem Hörgenuss hingeben konnten. Dabei hatte der Abend mit einer "europäischen Naturgewalt" begonnen, wie Querflötistin und Moderatorin Annette Willuweit passend zum Wetter-Thema kommentierte.

Mit Richard Wagners Ouvertüre zum "Fliegenden Holländer" startete das furiose Konzert unter der Leitung des Gastdirigenten Walter Ratzek, dem Chef des Bundeswehr-Musikkorps. Unter dem Motto "Sommerliche Rhapsody in Blue" hatten Ratzek und die Burscheider Musiker ein beschwingtes Programm zusammengestellt. George Gershwins "Rhapsody in Blue" und "Walking the Dog", Melodien von Charlie Chaplin oder die "Hounds of Spring" von Alfred Reed begeisterten das Publikum. In der kleinen Kurve vor der Evangelischen Kirche fanden die Besucher Platz auf eigens bereitgestellten Stühlen. Oberstleutnant Walter Ratzek war es zu verdanken, dass die Musik beim Serenadenkonzert erstmals auch über Lautsprecher zu hören war. "Das ist die Technik der Bundeswehr", berichtete Martin Mudlaff. Neben Mikrofonen und Lautsprechern hatte der Diplom-Kapellmeister Ratzek auch einen digitalen Flügel mitgebracht. An den Tasten zeigte der Oberstleutnant aus Langenfeld bei der "Rhapsody in Blue" sein Können - ein energischer und unterhaltsamer Auftritt, bei dem er zugleich das Blasorchester dirigierte. Spätestens jetzt war die Sorge ums Wetter vergessen.

(Kölner Stadt-Anzeiger vom 29. Juni 2009)

 



 
 

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